Live Wire (Unter Strom) an exhibition
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Unter Strom. Kunst und Elektrizität
8. Oktober - 18. Dezember 2011
Kuratorinnen: Anke Hoffmann und Yvonne Volkart

KünstlerInnen: Julieta Aranda, Evelina Domnitch & Dmitry Gelfand, HeHe, Christina Hemauer & Roman Keller, Hörner/Antlfinger, Karl Heinz Jeron, Party Manual, Jan-Peter E.R. Sonntag, Alexander Tuchacek (knowbotic research), Clemens Winkler

2011: Mit der radioaktiven Kontamination in Fukushima im März und der nur wenige Wochen darauf folgenden 25-Jahr-„Feier“ des Supergaus in Tschernobyl ist der Weltöffentlichkeit mit einem Schlag wieder bewusst geworden, dass Strom nicht einfach nur aus der Steckdose kommt und zum endlosen Gebrauch bestimmt ist. Strom ist vielmehr eine umkämpfte Ressource, die grösstenteils gefahrvoll und unnachhaltig hergestellt wird. Elektrischer Strom ist ein tausendfach genutztes Gut und eine kommerzielle Ware, aber auch eine geheimnisvolle Kraft und unsicht-bare Energie, deren tatsächliches Funktionieren wir auch heute noch kaum verstehen oder erklären können.

Hintergrund für die künstlerische Beschäftigung mit Strom als Ressource und naturwissenschaft-liches Phänomen ist die Einsicht, dass Probleme dann in die Hand genommen werden sollten, solange noch Handlungsspielraum besteht. In der Schweiz machen aktuelle Bezeugungen wie diejenige in Zürich zur „2000-Watt-Gesellschaft“ oder der Ausstieg aus der Atomenergie klar, dass man die letzten Jahrzehnte zu einseitig unnachhaltige Lebensweisen und Stromerzeugung favorisiert hat und zuwenig in die Erforschung und Umsetzung nachhaltiger Modelle gesetzt hat. Denn weltweit ist man, v.a. auch durch den drohenden Peakoil, offen für alternative Formen der Energieerzeugung. Wir unterstützen dies, möchten aber auch zu bedenken geben, dass es immer einen Preis gibt, und dass immer wieder gefragt werden muss, wer diesen Preis bezahlen soll. Wir müssen aufpassen, dass unsere Abkehr von Öl und Atomstrom nicht zu neuen Ausbeu-tungen führt. Obwohl nachhaltige Lebensmodelle oft eher unattraktiv erscheinen, weil sie als eine Beschneidung unserer Freiheiten empfunden wird, sind wir der Meinung, dass die energie-politischen Probleme nicht nur auf der Basis neuester Technologien oder Ingenieursleistungen gelöst werden können. Vielmehr ist auch ein Umdenken erforderlich; und gerade da kann auch die Kunst systematisch einsetzen, weil sie zeigen kann, dass gewisse Dinge, die uns vielleicht als Verlust erscheinen, womöglich gar kein Verlust sind. Oder dass viele Dinge, die wir einfach nur für unsere Zwecke instrumentalisieren, schön und wertvoll sind.

Und dennoch oder gerade deswegen möchte sich dieses Ausstellungsprojekt dem Phänomen des Stroms nicht besserwisserisch annähern, sondern lustvoll und offen, und somit unsere Sinne für Verborgenes und Nicht-Selbstverständliches öffnen. Es geht darum, in unterschiedlichen Formaten den vielfältigen und faszinierenden Dimensionen des Stroms und der Elektrizität nachzugehen. Die KünstlerInnen spüren mit ihren Arbeiten einerseits die Geschichten und Widersprüche politischer, ökonomischer und sozialer Interessen auf und lassen sich anderseits von der geheimnisvollen Atmosphäre und dem Unverständlichen und Verstörenden dieser „unsichtbaren Kraft“ inspirieren. Dabei arbeiten einige von ihnen zum Teil sehr bewusst mit dem Strom als „Kunstmaterial“. Ziel des Projekts ist es, unsere Beziehung zur Elektrizität und zur Selbstverständlichkeit unserer Stromversorgung zu überdenken, in einen historischen Kontext einzubetten und neue Erfahrungen damit zu machen. Nicht zu kurz kommen sollen dabei auch zentrale, technische-soziale Fragen wie: Was ist eigentlich Strom? Was ist Leistung? Wie viel Energie brauche ich im Alltag? Oder wie kommt es denn eigentlich dazu, dass ich immer mehr brauche und das ganz normal finde?

Elektrizität ist ein Vorgang, der in seinen physikalischen und chemischen Prozessen beschrieben werden kann, und dennoch sind diese Beschreibungen Modelle von etwas Unbeschreibbarem. Dass dieses Unbeschreibbare sinnliche, auditive, haptische und visuelle Phänomene hervorruft, war und ist ein zentraler Gegenstand der Beschäftigung mit Elektrizität seit ihrer frühesten Entdeckung. Einer dieser Entdeckungen spüren Christina Hemauer und Roman Keller in ihrem Re-enactment des frühen Telegrafengerätes von Don Francisco Salvà Campillo um 1795 nach. In der zur Eröffnung aufgeführten Performance „Die Unfreiheit der Elektronen“ sind es Menschen, die einem Morsealphabet ähnlich als Signalträger fungieren.
Einer der bekanntesten Erfinder der Elektrotechnik ist zweifelsfrei Nikola Tesla, mit dessen Entdeckungen der (drahtlosen) Energieübertragung sich Jan-Peter E.R. Sonntag seit Jahren künstlerisch auseinandersetzt. In der Ausstellung werden neue, raumgreifende Installationen unter dem Titel "Natural Radio Wave Trape", eine Videoinstallation sowie eine Wandinstal-lation zu sehen sein. Sonntags Werke untersuchen verknüpfend die kultur-theoretische und wissenschaftshistorischen Bedeutung der Elektrizitätsexperimente des 20. Jahrhundert. Elektrochemischen Prozessen wie der Elektrolyse widmen sich Evelina Domnitch & Dmitry Gelfand in ihrer Installation "Hydrogeny". Als audio-visuellen Kreislauf inszenieren die Künstler die Elektrolyse von Wasser, die mittels elektrischer Spannung Wassermoleküle in Wasserstoff und Sauerstoff trennen und überraschen mit einer Aneignung von naturwissen-schaftlich induzierten Darstellungsmethoden. Clemens Winkler hat sich von den auditiven Effekten der Stromübertragung inspirieren lassen und benutzt sie als eine Art Audio-Guide. Auf einer Reise durch Skandinavien ist er den Geräuschen der Überlandleitungen und Transforma-torenstationen gefolgt, die er, in einer für die Shedhalle übertragenen Rauminstallation, nacherlebbar installiert.
Dass Strom, den wir ganz selbstverständlich aus der Steckdose konsumieren, oft unnachhaltig und risikobelastet erzeugt wird, wissen wir nicht erst seit der nuklearen Katastrophe in Fukushima. Atomenergie ist aber seit diesem Super-Gau erneut ins Zentrum der Debatte gerückt. Die Arbeit des Künstlerpaares Hörner/Antlfinger macht diese Bedrohung zum Thema. In ihrer Installation "Dream Water Wonderland" wird die einstige Utopie der sauberen Energie zum Alptraum der heutigen Spektakelgeneration und hinterfragt den Wohlstandsgewinn auf seine unterbelichteten Kosten. So auch HeHe in ihrer dämonischen Installation "Catastrophe Domestique", die uns mit einem über unserem Kopf fliegenden und rauchenden Bügeleisen das Grauen unseres alltäglichen Strom-wahnsinns zu lehren vermag. In der Arbeit "There is a heppy lend - fur, fur awa-a-ay" von Julieta Aranda wird unsere technische Beherrschung der natürlichen Ressourcen zu einem Kartenhaus, dass zerbrechlicher und flüchtiger wirkt als ein Schatten. Die allumfassende Unterwerfung und Ausbeutung der Natur durch die omnipo-tente Technikversessenheit erfährt in ihrer Interpretation die Gestalt eines äusserst unsicheren Fundaments.
Elektrizität ist aber auch ein Phänomen, das wir selbst, lokal und Ressourcen schonend erzeugen könnten: dazu lädt die Gruppe Party Manual mit ihren selbstgebauten Stromerzeugern ein. Mit Handkurbel, Tretrad oder Velopedal können die BesucherInnen in der Ausstellung selbst Strom erzeugen und sogar am Eröffnungsabend ein DJ-Pult betreiben. Elektronische Musik selbst gemacht, das zeigt Karl Heinz Jeron in seinem Workshop "Fresh Music for Rotten Vegetables". Mit überlagertem oder überflüssigem Obst und Gemüse, die als Batterien fungieren, bastelt er zusammen mit den TeilnehmerInnen Musikinstrumente, die zur Eröff-nungsperformance konzertant erklingen. Ebenfalls zur Eröffnung der Ausstellung am 7. Oktober wird die partizipative Aktion "Temporäre Präsenzen - Freie Energien" von Alexander Tuchacek durchgeführt. Mittels eines autonomen Mobilfunksystems in der Ausstellung werden sich "ExpertInnen" und "Laien" aus dem Publikum in einem multi-dialogischen Gespräch zu Themen von Stromerzeugung, alternativen Energien, physikalischen Fragestellungen und Zukunftsherausforderungen gegenseitig interviewen. Die Gespräche werden als exo-akademische Form der Wissensvermittlung das Ausstellungsthema mit erkenntnisreichen Perspektiven in einer Audio-Installation bereichern.

Veranstaltungen Shedhalle „Unter Strom“

•Workshop „Fresh Music for Rotten Vegetables“ mit Karl Heinz Jeron
Freitag, 7. Oktober, in Kooperation mit DOCK18, 14 – 18 Uhr,

•Der elektrische Funke. Vortrag und Gespräch zu Kultur- und Mediengeschichte der Elektrizität
mit Wolfgang Hagen, Medientheoretiker Berlin/St Gallen und Screening mit Filmen
aus den Anfängen der Elektrifizierung mit einer Einführung durch Jan-Peter E.R. Sonntag,
Künstler, Berlin Donnerstag, 24. November 2011, 19 Uhr

•Quo Vadis Schweiz? Fragen nach Chancen, Standort und Verantwortung in der
Energiepolitik mit GesprächspartnerInnen aus Politik, Wissenschaft und Architektur
Freitag, 11. November 2011, 19 Uhr